Er spritzte dem Alten kaltes Wasser ins Gesicht in der Gefängniskantine — und verstand nicht, über wen er gerade ein Urteil gesprochen hatte

 

Zuerst durchschnitt ein Schrei den Flur.

Dann ein weiterer, schon verzerrt, als hätte derjenige, der schrie, keinen Kampf gesehen, sondern das Ende der gewohnten Ordnung.

In Zelle 32-B hielten meine Mitgefangenen beinahe für einen Moment den Atem an.

Der Alte saß regungslos da, ließ das nasse Handtuch neben sich liegen und hörte diese Geräusche, als hätte er ihren genauen Zeitpunkt längst gekannt.

Hinter den Wänden dröhnten Stiefel.

Nicht jene trägen, an die wir uns in den vergangenen Monaten im täglichen Ablauf gewöhnt hatten. Diesmal waren es schnelle, entschlossene Schritte, Schritte voller Befehle und Kontrolle.

Dann das laute Zuschlagen von zwei Türen.

Jemand rief Wilsons Namen. Sofort brach er ab, als hätte er begriffen, dass er nicht den Namen eines Lebenden gerufen hatte, sondern den eines fast schon Toten.

MEINE MITGEFANGENEN RICHTETEN LANGSAM DEN BLICK AUF MICH.

Sie flehten nicht mehr, sie sorgten sich nicht. Sie sahen mich an, wie Kinder einst auf eine offene Tür zu einem dunklen Raum blicken.

„Warst du das?“

Der Alte sah sie mit müden Augen an.

„Nein“, sagte er ruhig. „Ich war nur zur richtigen Zeit da.“

Diese Worte waren leiser als der Schrei, aber weitaus furchteinflößender.

Denn an Orten wie dem gefährlichsten Gefängnis „Sibirischer Stein“ ist die größte Gefahr nicht die Stärke. Die größte Gefahr ist die Zeit, die plötzlich nicht mehr auf deiner Seite arbeitet.

Einige Minuten später rannte niemand mehr über den Flur.

SCHRITTE DRÖHNTEN. NAMEN WURDEN AUFGERUFEN, NICHT WIE GEWOHNT, SONDERN NACH LISTEN. UND DAS WAR ES, WAS DIE GEWOHNTE ATMOSPHÄRE DES GEFÄNGNISSES AM MEISTEN ERSCHÜTTERTE.

Mein Zellgenosse strich sich über das Gesicht.

Er gehörte zu denen, die nur deshalb am Leben geblieben waren, weil sie früh gelernt hatten zu spüren, wann sich die Macht verschiebt.

„Jetzt fällt es mir ein“, flüsterte er. „Davies.“

Der Alte antwortete nicht.

„Adam Davies“, wiederholte er, nur noch mit den Lippen. „Der Anwalt.“

Der Alte schloss beinahe die Augen.

Früher wurde dieser Name spöttisch ausgesprochen. Dann nur noch leise. Und schließlich sagte ihn niemand mehr.

IN DEN NEUNZIGERN WAR ER NICHT DER GRÖSSTE MANN.

Er besaß keine Restaurants. Er stellte keine Sicherheitsleute vor Häuser. Er liebte es nicht, sich neben teuren Autos oder mit Menschen mit Rang ablichten zu lassen.

Er wusste einfach alles.

Wer wem Geld brachte. Wer wem Schutz gewährte. Wer Verzichtserklärungen unterschrieb. Wer nachts ans Telefon ging. Welcher Staatsanwalt freitags mit denen trinkt, die er tagsüber ins Gefängnis bringen will.

Deshalb nannte man ihn „den Anwalt“.

Er drohte nicht. Er schlug nicht auf den Tisch. Er erinnerte die Menschen einfach an das, was sie längst vergessen wollten.

Danach verschwanden die Leute nicht immer.

Manche lebten weiter, aber ohne Arbeit, ohne Zuhause, ohne Freunde, und sie verloren das Gefühl, dass irgendwann alles wieder vergeben werden könnte.

FÜR MANCHEN WAR DAS SCHLIMMER ALS DER TOD.

Für andere einfach langsamer.

Mein Zellgenosse kannte ihn nicht aus Gerüchten.

Vor zwölf Jahren arbeitete er für eine Bande und sah einmal eine Akte ohne Datum und ohne Unterschrift.

Nur ein „D.“

Danach befahl der Boss, dass alle schweigen sollten, alle alten Notizen vernichtet werden und er zwei Wochen lang mit einer anderen Sicherheitsbegleitung unterwegs war.

Einen Monat später war auch er verschwunden.

Seitdem hat der ehemalige Buchhalter eines sicher gelernt: Es gibt Menschen, die die Arbeit mit ihren eigenen Händen erledigen. Und es gibt jene, nach denen andere ihre Hände heben.

ADAM DAVIES GEHÖRTE ZU DEN LETZTEREN.

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